Quartierverein Kempten

Opposition gegen Oberlandstadt

An der Gemeindeversammlung vom 23. September 1968 wurden die Teilbauordnungen „Zentrum Wetzikon“ und „Obere Bahnhofstrasse“ mit sechs richtungsgetrennten Fahrspuren gutgeheissen.

Skizze der in den 1960er-Jahren projektierten sechsspurigen Bahnhofstrasse
Skizze der projektierten sechsspurigen Bahnhofstrasse

Der Quartierverein hätte gerne vorgängig die Unterlagen zu diesem Geschäft unabhängigen Fachleuten unterbreitet. Der Gemeinderat Wetzikon weigerte sich in seinem Schreiben vom 17. August 1968, dem Quartierverein die Planvorlagen auszuhändigen. 

Neben dem Quartierverein Kempten gab es vor der Gemeindeversammlung auch andere kritische Stimmen. So schrieb Redaktor E.A. Lang in seinem Artikel vom 28. August 1968 im Zürcher Oberländer:

Bei näherer Betrachtung des Projektes „Obere Bahnhofstrasse“ muss man aufhorchen. Man gewinnt den Eindruck, dass hinter dem Projekt ausschliesslich Verkehrsingenieure stehen, welche die Verkehrsprobleme rein technisch gelöst haben. Die Stadt von heute und morgen ist jedoch nicht eine rein verkehrstechnische Angelegenheit, sondern Lebensraum von Menschen. Das Projekt stellt eine perfekte Lösung für Autos dar, es entsteht eine Strasse für den Verkehr. In der Gemeindevorlage wird aber eindeutig eine Einkaufsstrasse von regionaler Bedeutung angestrebt.

Und am Ende des Artikels sagt er: Es stellt sich also die Frage, ob eine Entscheidung in dieser Sache nicht noch verschoben werden kann und ob eventuell vorgängig kompetente Planer, Soziologen und Wirtschaftsfachleute zur Beratung zugezogen werden sollten. Wir müssen, um wieder menschenfreundliche Städte zu bauen, das reine Verkehrsdenken aufzugeben und vermehrt an die menschliche Gestaltung unserer Umwelt denken. Nur so erreichen wir eine Lösung, in der wir und unserer Nachkommen leben können. In Wetzikon sind noch alle Möglichkeiten offen!


Nach der Genehmigung des Projektes durch die Gemeindeversammlung blieb dem Quartierverein kein anderer Weg, als mit grossem Aufwand drei Motionen auszuarbeiten. Diese wurden im Juli 1970 mit 740 Unterschriften eingereicht. Im Vorwort war u.a. zu lesen: Der Quartierverein Kempten ist besorgt über die drohende Vierteilung des Dorfteils Kempten durch die Hauptverkehrsstrasse Pfäffikon-Hinwil mit vier Fahrspuren und die vorgesehene überdimensionierte obere Bahnhofstrasse mit 50 Meter breiten Baulinien links und rechts, und – damit verbunden – die stark gehemmte Weiterentwicklung Kemptens. Wir verlangen eine Dezentralisation auf die geplante West- und Osttangente und keine Konzentration des Verkehrs auf den Ochsenplatz und auf die Bahnhofstrasse hin.

Der Aktuar Rolf Schneider stellte die Motionen unter anderem an einer Parteiversammlung der CVP vor. Der Gemeindegeometer Emil Diepold bezeichnete die allfällige Annahme der Motionen als eine "Todsünde". Diese Todsünde geschah dann auch an der denkwürdigen Gemeindeversammlung vom 2. Oktober 1970, alle drei Motionen wurden mit überzeugendem Mehr von den anwesenden 289 Stimmbürgern angenommen.


Redaktor E.A. Lang, der Ehemann der späteren Regierungsrätin Hedi Lang, setzte in der Oberländer AZ folgende Schlagzeile:

Quartierverein Kempten – Gemeinderat Wetzikon 3:0!
Der Präsident Rudolf Hofmann sprach in seiner Begründung sehr viel vom Menschen und vom Naturschutzjahr 1970. Er erreichte mit dieser Taktik seinen Zweck und konnte das Game in drei Sätzen für sich verbuchen. Dagegen vermochten weder der Gemeinderat Max Honegger noch Architekt Max Egger aufzukommen, deren Appell an die Vernunft, im Gegensatz zu den emotionellen Wogen, rhetorische Spritzer blieben. Planung ist auch Politik, das ist die Lehre, die von den Planern endlich gezogen werden soll.

Der Kommentar in der Berichterstattung im Zürcher Oberländer vom 5. Oktober 1970 lautete recht resigniert:

Die Wetziker haben am Freitag einen Entscheid gefällt, der einiges Aufsehen erregen dürfte: Mit der Zustimmung zur Initiative Hofmann haben sie nicht nur ihre eigenen Entscheide aus dem Jahr 1967 rückgängig gemacht, sondern sie desavouieren damit auch eine jahrelange Planungsarbeit von Kommission und Gemeinderat. Mehr noch: Das Ziel der Initiative lässt sich kaum verwirklichen; denn sowohl in der Angelegenheit Bahnhofstrasse wie auch des Ochsenplatzes ist letzten Endes der Kanton zuständig, und man wird sich in Zürich hüten, in Wetzikon einen Präzedenzfall zu schaffen, der andernorts die Planung ebenfalls über den Haufen werfen könnte.

Im Moment bleibt dem Gemeinderat Wetzikon nichts anderes übrig, als den Scherbenhaufen in Zusammenarbeit mit den Initianten wieder zu einem Werk zusammenzufügen. Wenn dabei mehr als Flickwerk herausschaut, dürften beide Teile Glück gehabt haben. Jedenfalls zeichnet sich so oder so ein Kompromiss heute schon ab; denn man kann die Zukunft nicht mit Lösungen aus dem Bilderbuch der Planer von 1950 bewältigen.

Die effektive Entwicklung in Kempten hat diese Befürchtungen nicht bestätigt!